Archiv: Frankfurter Gesichter – Kurt Reichmann

Ein Artikel in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 03.09.2004
geschrieben von: Claudia Schülke

Zitat des Artikels

Frankfurter Gesichter: Kurt Reichmann

03.09.2004  ·  „Man sagt ihr nach, daß sie einen behext.“ Kurt Reichmann weiß, wovon er spricht. Als er 1964 beim Folk-Festival auf der Burg Waldeck zum erstenmal eine Drehleier hörte, fühlte er sich verzaubert. Er suchte das Saiteninstrument mit dem Treibrad in Literatur und Kunst, lernte die saitenverkürzenden Tasten drücken und die Kurbel drehen, er fotogra­fierte, vermaß und zeichnete die Geliebte in den Museen der Welt. Drei Jahre später war es soweit: Er konnte selbst eine Drehleier bauen. Da reifte in ihm der Entschluß, die vergessene Kunst der französischen Barock-Idylliker und der hessischen Drehleier-Mädchen wiederzube­leben.
Dabei schien er für anderes prädestiniert zu sein. 1940 als Sproß einer Konditoren-Dynastie in Ehringshausen bei Wetzlar geboren und calvinistisch erzogen, absolvierte Reichmann nach der Volksschule eine Bäckerlehre in Siegen. Anfang der Sechziger kam er nach Frankfurt, um sich im Cafe Weidenweber an der Zeil (heute an der Großen Friedberger) zum Konditor aus­bilden zu lassen. Dann sattelte er pötzlich um und wurde Graphik-Designer. Als solcher ver­diente er seinen Lebensunterhalt bis 1988 im Staatsdienst. Seitdem widmet sich der Früh­rentner hingebungsvoll seiner musikalischen Leidenschaft.
Auf der Frankfurter Musikmesse hatte er schon längst ein Forum gefunden. 1973 gründete er mit anderen Liebhabern ein Drehleier- und Dudelsackfestival, das seitdem jährlich an Himmelfahrt in Lißberg stattfindet. 1990 richtete er in dem kleinen Ort der östlichen Wetterau ein Musikinstrumentenmuseum ein, das die Schätze hütet, die er über Jahre zusammenge­tragen hatte. Eine Drehleiergalerie mit Ölgemälden, Stichen und Graphiken eröffnete er vor neun Jahren in seinem verwinkelten Haus in der Glauburgstraße: Über mehrere Etagen und Flure bis hinauf in seine Privatgemächer läßt sich die Geschichte der Drehleier an den Wänden der einstigen Remise im Frankfurter Nordend verfolgen.
Im Erdgeschoß hat sich Reichmann eine Werkstatt eingerichtet. Hier baut er historische Dreh­leiern aus dem 14. bis 16. Jahrhundert oder nach dem Vorbild des Pariser Instrumentenbauers Louvet, der den europäischen Adel im 18. Jahrhundert mit Drehleiern beglückte. Auch ein Organistrum für zwei Spieler hat Reichmann nach einer Skulptur aus dem 12. Jahrhundert an der Kathedrale von Santiago de Compostela nachgebaut. Die europäischen Museen schätzen ihn als Restaurator, und Künstler suchen seinen Rat: So hat er 1974 die Drehleier des Lieder­machers Wolf Biermann in Ost-Berlin repariert und 1976 für Ariane Mnouschkines legendäre „Moliere“-Verfilmung eine Drehleier gebaut.
Wenn er ausnahmsweise keine Drehleiern baut oder repariert, fotografiert er Models mit fluo­reszierendem Make-up im UV-Licht, um an die Tradition der mißbrauchten Drehleier-Mäd­chen zu erinnern. Oder er keltert Burgunder an der eigenen Hinterhauswand, füllt Teigtaschen und bereitet andere verborgene Köstlichkeiten am Herd zu. Wie eine Drehleier lebt Reich­mann im Zusammenklang von Melodie und mitschwingendem Baß: ein Falstaff mit calvinis­tischem Gewissen als Bordun.

CLAUDIA SCHÜLKE

Original Artikel vom 03.09.2004 unter:

http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/persoenlich/frankfurter-gesichter-kurt-reichmann-1174300.html